Merken Merken Merken

Hochsensibilität und bedürfnisorientierte Elternschaft

Gastbeitrag von @feelslike_sina

 

„Wenn du so mit mir redest, gehe ich nicht ins Bett!“ mit verschränkten Armen steht mein damals noch 4jähriger Sohn vor mir und schiebt die Unterlippe vor. Einen Moment weiß ich nichts zu sagen. Eigentlich komme ich eh nicht richtig zu Wort, denn das Baby auf meinem Arm brüllt schon seit einer halben Stunde. Der Kleine ist müde und will ins Bett. Ja, es ist höchste Zeit, aber mir sind die Hände gebunden: der Mittlere wird mich seinen Bruder nicht in Ruhe ins Bett bringen lassen. „Ich bin müde!“ mault die Große Schwester. „Ich nicht!“ bekräftigt mein großer Sohn seine Zubettgeh-Verweigerung. Ich hasse die Abende, wo ich allein mit den drei Kindern bin, weil mein Mann arbeiten muss. Ich fühle mich unter Druck gesetzt und hilflos. Ich spüre die Müdigkeit meines Babys und Genervtheit meiner Tochter. Ich kann alle so gut verstehen. Ich möchte mich um ihre Bedürfnisse kümmern, vor allem um die des Babys, denn was es will, liegt ja auf der Hand: einschlafen an Mamas Brust im großen Elternbett. Die Große muss morgen in die Schule, klar. Ich verstehe das alles. Nur den Mittleren, den verstehe ich nicht. „Ich gehe nicht ins Bett und ich schreie, wenn ich nicht ein anderes Kopfkissen bekomme. Das hier ist ekelig!!!“ mit einer verächtlichen Geste schiebt mein Sohn es mit Fingerspitzen vom Bett. Was war passiert? Der Babysohn, den ich kurz auf dem Bett des Großen abgelegt hatte, um diesem beim Anziehen zu helfen, hatte auf das Kopfkissen „gesabbert“. So sieht es der Große… vielleicht hat sein kleiner Bruder das Kissen auch nur mit dem Lippen berührt. Egal. Ich kapiere es nicht. Ich kann ihn nicht verstehen und ich weiß nicht, wie man aus so einer Mücke einen Elefanten machen kann. Mein Herz klopft, ich mag den Druck nicht, ich weiß nicht, was ich tun soll. Wenn ich jetzt noch ein anderes Kissen finden und neu beziehen muss, dann verzögert sich alles. Und am Ende passt ihm das neue Kissen nicht, weil… ich kenne das schon. Das Baby schreit nun umso lauter. Und obwohl eine leise Stimme mich mahnt „bleib zugewandt“, merke ich schon, wie es in mir brodelt. „Du ruinierst meinen Feierabend wegen nichts und wieder nichts! Wie kann man sich wegen einer Kleinigkeit so anstellen? Es wollen alle nur ins Bett und du stellst dich an! Immer stellst du dich so an!“ Ich will auf die Bedürfnisse meines Sohnes achten, aber ich kann es einfach nicht. Stattdessen raste ich total aus, denn die Lautstärke, der Druck, mein Mitleid mit dem Baby… all das ist einfach zu viel für mich.

 

Ich bin Sina, 35 Jahre alt und Mutter von drei Kindern (2, 5 und 8). Ich bin hochsensibel. Mein älterer Sohn ist es auch.

 

Als ich vor über 8 Jahren das erste Mal Mutter wurde, bin ich fast wie selbstverständlich in die bedürfnisorientierte Begleitung meiner Kinder hineingewachsen. Das Stillen nach Bedarf und den intensiven Körperkontakt, den wir durch das Tragen im Tuch und Co-sleeping ermöglichten, forderte unsere große Tochter sehr vehement ein und für uns war es in vielen Momenten eine win-win-Situation, denn das Stillen und Tragen, das gemeinsame Schlafen und das Fragen nach dem Bedürfnis unserer Tochter machte auch uns das Leben einfacher, weil vieles dadurch harmonischer ablief.

 

Ich saugte alle Informationen auf wie ein Schwamm. Und die vielen Bücher, die es im Bereich attechment parenting mittlerweile gibt, erklärten sehr gut, wie die Bedürfnisse des Babys quasi schon von der Evolution her angelegt sind (Stichwort: „Steinzeitbaby“) und sich in ihrer Biologie widerspiegeln (Stichwort: „Anhock-Spreiz-Haltung“). Ich verstand. Alles schien mir so logisch. Ich verstehe mein Kind, das macht es mir leicht, seine Bedürfnisse zu erfüllen.

 

Dass mein Sohn hochsensibel ist, weiß ich nun seit ein paar Monaten. Und obwohl ich immer ein Mensch war, der gegen Schubladen gewettert hat, hilft mir dieses Wissen nun unheimlich weiter, bestimmte Situationen und Verhaltensweisen meines Sohnes besser zu verstehen. Nur wenn ich mein Kind verstehe und seine Bedürfnisse richtig wahrnehme, kann auch ich mein Verhalten nach diesen Bedürfnissen ausrichten.

 

„Hochsensibilität“ ist für mich keine Schublade und erst recht keine Diagnose. Etwa ein Fünftel aller Menschen sind hochsensibel, viele wissen es von sich selbst vermutlich gar nicht. Hochsensibilität kann viele Gesichter haben und sich je nach Alter oder Charakter ganz unterschiedlich auswirken. Generell kann man sagen, dass hochsensible Menschen einfach ihre Umwelt mehr bzw. ungefilterter wahrnehmen. Zum Beispiel kann dies auf sensorischer Ebene bedeuten, dass man Geräusche schneller als laut oder störend wahrnimmt, dass man extreme Geschmäcker nicht gut ertragen kann oder bestimmte Kleidungsstücke als zu kratzig, zu unbequem, zu einengend wahrgenommen werden. Ich höre gerne auch mal laute Musik im Auto, wo ich selbst abschalten kann, wenn es mir reicht. Wenn auf Feierlichkeiten die Musik lange sehr laut ist, fühle ich mich irgendwann von der Lautstärke „erdrückt“ und sie fühlt sich fast schmerzhaft an. Hochsensible Menschen sind häufig sehr mitfühlend bis dahin gehend, dass sie feine Schwingungen wahrnehmen oder Stimmungen einfangen, die im Raum herrschen. Gegenüber Gefühlen von anderen sind sie oft sehr empathisch, dass sie fremde Gefühle fast so intensiv wie die eigenen spüren können.

 

Ich fühlte oft schmerzlich, wenn mein Baby weinte, ich spürte wie es meiner Großen Tochter geht… Nur für meinen Sohn hatte ich manchmal erschreckend wenig Verständnis. Sehr oft beschlich mich der Gedanke: Er übertreibt, er steigert sich rein, er stellt sich an – und ich konnte weder empathisch sein, noch seinen Bedürfnissen gerecht werden. Erst nach und nach bin ich der Tatsache auf die Spur gekommen, dass auch ich hochsensibel bin und die vielen ablehnenden Gedanken gegenüber den Emotionen meines Sohnes das sind, was ich selbst als Kind allzu oft zu hören bekam oder gespürt habe. Die Ablehnung gegenüber zu starken Gefühlen oder zu großer Empfindlichkeit begleitete mich und hat sich in meinem Denken und Fühlen irgendwie festgesetzt. Diesen Mechanismus zu kennen und zu durchschauen war für mich sehr heilsam, denn je öfter ich gegenüber meinem Mittleres zugestehen konnte: er steigert sich nicht rein, er empfindet es so stark und das ist okay, desto mehr habe ich auch mich und meine Art von neuem annehmen und lieben gelernt. Ich wünsche mir, dass noch viel mehr Eltern ihrer Hochsensibilität und der ihrer Kinder auf die Spur kommen, weil nur so wirklich liebevolle und achtsame Begleitung möglich ist. Nur wenn wir unsere Kinder wertschätzen wie sie sind, können wir ihnen letztlich eine geborgene Kindheit ermöglichen.

 

Mehr Information und Austausch über Instagram @feelslike_sina

XOXO
signature
8

No Comments Yet.

What do you think?

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Ich akzeptiere